Einmal Musiker immer Musiker! Warum Musik ein Lichtblick für die Demenzbehandlung ist

Personen welche einmal an Alzheimer oder anderen vergleichbaren Gedächtnis- und Hirnerkrankungen erkrankt sind, verlieren oftmals all ihre Erinnerungen und Gedanken an die Vergangenheit. Unsere musikalischen Fähigkeiten und die Erinnerungen daran, wie wir ein Musikinstrument spielen oder an bestimmte Musikkompositionen, trotzen jedoch jeder Gedächtniserkrankung. Wie kann das sein und warum bezeichnen Forscher dies als Lichtblick für die Demenzbehandlung?

 

Es wurde verschiedene Studien durchgeführt, in dem die Auswirkung einer Gedächtniserkrankung auf ein musikalisches Grundwissen und die musikalischen Fähigkeiten, welche die Testpersonen -darunter auch berühmte Dirigenten und Komponisten- bereits vor der Erkrankung erlernt hatten, untersucht wurden. Forscher gewannen über die Jahre hinweg mehr und mehr Einblicke auf die Funktionsweise unseres Gehirns, die Gedächtnisspeicherung aber auch Informationen über die Krankheiten, was vielleicht in naher Zukunft auf eine neue Behandlungsmethode von Demenzerkrankungen rückschließen lässt.

Frühe Thesen liefern Grundstein für die heutige Forschung

Bereits in den 1980igern lieferte uns Clive Wearing, welcher ein berühmter Tenor und Dirigent in London war, einen ersten Fall von musikalischer Standfestigkeit bei einer akuten Hirnerkrankung, welcher von dem Neurowissenschaftler Oliver Sacks aufgegriffen und behandelt wurde.

Wearing unterlag einer Entzündung auf Grund von Herpesviren, welche einen großen Teil seines Gehirnes zerstörten. Daraufhin verlor fast alle Erinnerungen und Augenblicke seiner Vergangenheit und selbst neue Informationen blieben nur für wenige Momente erhalten. Interessanter weise, so berichtete der Wissenschaftler Sacks, war Wearing dennoch in der Lage einen Chor zu dirigieren und sein Piano zu spielen, ohne jegliche Einschränkungen.

Die Musik bleibt in unserem Kopf erhalten. Trotz Demenz- und Alzheimererkrankung werden motorische Fähigkeiten des Musizierens nicht vergessen.

Grundsätzlich gingen Forscher von der Annahme aus, dass die Musikerinnerung, ebenso wie die Lebenserinnerungen und das erlernte Fachwissen an zwei Orten in unserem Gehirn gespeichert wurden, so Jörn-Henrik Jacobsen (Neurowissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Institut für Kognition und Neurowissenschaften und der Universität Amsterdam). Der Temporallappen und gleichermaßen der Hippocampus, wurden bis zu diesem Punkt als zentraler Speicherort und als Schaltzentrale der Erinnerungen angesehen. Doch scheinbar war bis zu diesem Zeitpunkt die Komplexität unseres Gehirns noch nicht erkannt. Erst nach dem Auftreten dieses Ereignisses, wurde eine neue These aufgestellt.  So sollte nach der veralteten Annahme, jegliches Musikwissen ebenso wie unsere restlichen Erinnerungen erlöschen, nachdem der Hippocampus durch die Enzephalitis unheilbar beschädigt wurde. Doch genau dies ist im Fall von Wearing nicht eingetroffen.

Somit stellte Sacks im Jahre 2015 die These auf, dass „man sich Musik mit einer anderen Art des Gedächtnisses merkt“.

Er geht von der Annahme aus, dass unser Musikwissen in dem prozedualen Gedächtnis, dem so genannten ‚Gedächtnis der Bewegung und Handlung’, abgespeichert wird, welches ebenfalls auf Teile des unbewussten Gedächtnisses und andere, tiefer gelegene Areale zugreift.

Er stützte seine These damit, dass Wearing weiterhin meisterhaft seine Instrumente beherrschte und gleichermaßen Musikstücke anhand ihrer Noten und Melodie erkannte (Beanspruchung des Bewegungsgedächtnisses und der unbewussten Erinnerung der Noten, welche jedoch nicht direktabrufbar sind), jedoch kein Stück bei einem Namen nennen konnte.

 

Wearing ist kein Einzelfall – Die Forschung beweist die Standhaftigkeit der Musik!

Der Meilenstein der Forschung war gelegt und Wissenschaftler fingen an das Gehirn auf eine andere Art zu sehen. Wearing war ein Extrembeispiel aufgrund seines massiven und irreversiblen Hirnschadens aber auch wegen seine musikalischen Vorwissens. Dennoch berichten weitere Forscher davon, dass „Menschen, deren Gedächtnis durch Schädigung des Gehirns stark beeinträchtigt sind, sich weiterhin an Musikstücke erinnern, sie spielen und auch singen können“, so berichtet der Neurologe Carsten Finke von der Charité Berlin und der Berlin School of Mind and Brain.

Bereits zuvor im Jahre 2012 konnte Finke innerhalb einer Studie ein ähnliches Phänomen beobachten. So wurde, innerhalb einer Fallstudie über die Herpes-Enzephalitis-bedingte Amnesie, etwa Gleiches bei einem Teilnehmer beobachtet. Dieser war vor seiner Erkrankung ein professioneller Cellist, welcher sich nach dem er den Folgen der Erkrankung erlitt, sich an kaum etwas aus seiner Vergangenheit erinnern konnte. Trotz alle dem war es ihm möglich, das Cello in gleicher Form zu spielen, wie er es früher tat. (1)

Mit dieser Beobachtung verfasst Finke einen neuen Forschungsansatz, welcher bis heute anhält und welcher eines Tages zur Behandlung von Demenzerkrankungen beitragen kann. „Es wäre denkbar, dass ein intaktes musikalisches Gedächtnis bei dementen Patienten dazu genutzt werden kann, verlorene Informationen aus anderen Gedächtnisdomänen aufzurufen“, so Finke.

Innerhalb der Studie wurden den Testpersonen Aufgaben gestellt, wie das Merken von Wortpaaren und kurzen Geschichten. Zusätzlich wurden die Patienten auch auf ihre musikalischen Grundfähigkeiten, wie z.B. das Erkennen von Musikmelodien, untersucht.

Innerhalb dieser Untersuchung stellte sich heraus, dass es dem Cellisten möglich war, Unterschiede zwischen bereits vertraulichen Musikstücken von neuen zu unterscheiden, obgleich die Stücke aus der gleichen Zeit stammten oder aus einer komplett anderen Zeit.

Basierent auf die Erkenntnis, dass ein musikalisches Wissen trotz einer Gedächtniserkrankung weiterhin bestehen bleibt, wurde ebenfalls vermutet, dass die Erinnerungen abseits eines beschädigten Hippocampus sitzen müssen. MRT-Studien lokalisieren die Musikerinnerung als stark vernetztes Netzwerk um den Front- und Temporallappen. (2, 3)

Nach weiteren Studien konnte im Jahr 2015 tatsächlich die Lokalität des Musikgedächnisses ausgemacht werden.

Ebenfalls berichtet eine kanadische Studie gleiche Vorkommnisse. Bei einer Untersuchung von Alzheimerpatienten, welche einem kompletten Verlust in Erinnerung, Denkleistung und Sprache aufwiesen, konnte eine 84-jährige Probandin, trotz allen Defizite, Lieder, welche sie von früher kannte, unterscheiden und mitsingen. (4)

 

Musik als komplexe Bewegungserinnerung

Im Jahre 2015 konnte eine Forscher unter Zusammenarbeit aus verschiedenen Forschungseinrichtungen (Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Universität Amsterdam und das Institut national de la santé et de la recherche médicale in Caen) einen Durchbruch in der Wissenschaft erzielen. Erstmals gelang es den Wissenschaftlern den genauen Speicherort des Musikgedächtnisses zu lokalisieren. (5) Gleichermaßen fokussierten sich die Forscher darauf, den Erhalt von Musikerinngerungen bei Demenz- und Alzheimererkrankten zu untersuchen. (6)

Musik als Hilfe zur Behandlung von Alzheimer und Demenz? Zumindest liefert die Musik einen Ansatz, auf den die Forscher aufbauen können um vielleicht in naher Zukunft die Möglichkeiten zu schaffen, weitere Erinnerungen aus den gesunden Zeiten zurück zu holen.

Mit Hilfe von Musikpräsentation galt es, den Speicherort der Musikstücke zu untersuchen. Während des Vorspielens wurden die Hirnaktivität der Probanden mit Hilfe von Hirnscans untersucht um festzustellen, in welchem Gedächtnis die vorgespielten Stücke (Langzeit-, Kurzzeitgedächtnis oder nicht bekannte Areale) abgelegt werden. Ergebnis der Studie war, dass unser Musikgedächtnis außerhalb des Hippocampus -ganz der These von Sacks- sitzt, um genau zu sein, im Bereich des supplementär-motorischen Areals und des vorderen zingulären Kortex. Dieser spielt primär eine Rolle für komplexe Bewegungen und Bewertung von Erwartungen.

Dies Erklärt, warum Demenz- und Alzheimererkrankte weiterhin auf ihre musikalischen Fähigkeiten und Erfahrungen zurückgreifen können.

 

Musik – Ein Lichtblick für die Alzheimerforschung?

Die Wissenschaftler setzten alles daran, einen Durchbruch in der Alzheimerforschung zu erzielen und diese Erkenntnisse weisen bereits eine denkbare Möglichkeit auf. So wäre es denkbar möglich, über das intakte musikalische Gedächtnis, weitere verlorene Informationen wiederherzustellen, so Flinke. Gestützt wird der Zukunftsausblick bereits durch eine Studie aus den USA, bei denen unter musikalischem Einfluss die Erinnerungsfähigkeit bei Alzheimerpatienten erhöht werden konnte. (7)

Alzheimererkrankte können beim erneuten Wiedergebe ihrer Musik, Erinnerungen wieder aufrufen, welche sie mit den Stücken in Verbindung bringen.

Gleichermaßen verweist Flinke auf seine Studie mit dem Cellisten, welcher sich an damalige Begebenheiten erinnern kann, welche in Zusammenhang mit seinen gespielten Werken standen.

Ein weiterer Zukunftsansatz der Forschung ist die Kompensation mithilfe des Musikgedächtnisses. Eine Untersuchung zeigte, dass sich Nervenverknüpfungen in bestimmten Areal verstärken, während andere abbauen. (8) Mit diesem Ansatz ließe sich untersuchen, dass eine Milderung des Krankheitsverlaufs, durch neue Nervenverknüpfungen mit Hilfe des Musikgedächtnisses durchführen ließen.

 

Fazit

Auch wenn es noch keinen Heilungsansatz für die schwerwiegenden Gedächtniserkrankungen gibt, so bietet uns die Musik dennoch einen kleinen Hoffnungsschimmer um die Erkrankung mehr zu verstehen und auch den Verlauf mildern zu können.

 

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